
Der Baranski meets den Graveljesus
ACHTUNG: heute mit ganz viel Text für den Feiertag, lasst den Bollerwagen am besten im Schuppen. Blöd ist das dieses Jahr noch mehr als sonst und es fühlt sich morgen früh ganz sicher auch besser an! Personality-Alarm: heute geht es im #fratzengeballer um einen jungen Mann, der mir im Laufe der letzten 20 Jahre immer […]

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Und als solcher fährt man Dienstag und Donnerstag und wenn keine Rennen sind, dann auch Samstag und Sonntag zu einem Trainingstreff. Bei so einem traf ich dann auch das erste Mal live auf Alex, mittlerweile unterwegs als Axel Foley und längentechnisch schonmal ausgewachsen. Das war, nachdem er die letzten Jahre nicht mehr viel anderes gemacht hatte, als Mountainbike zu fahren und dass auch ziemlich erfolgreich: er war mittlerweile nämlich Teil der Stevens-WG über dem von-Hacht-Laden in der Breitenfelder Straße. Von da ging es am Wochenende immer raus Richtung Norden und zwar im Eiltempo. Für alle, die damals schon dabei waren: ich war der Honk mit dem original Team-Saeco-Cannondale-CAD3 von Giuseppe Calcaterra. Das war ein Anfahrer von Mario Cipollini und ich hatte wie gesagt alles an Kohle da reingesteckt. Deshalb hatte ich auch kein anderes (Winter-)Rad mehr und eierte mit der edlen Campa Record (9-fach) hinter euch her durch den Nebel. Jedes Wochenende eine halbe Stunde länger, bis zum damals für mich unvermeidlichen Platzen. So lernt man die Welt rund um Bönning- und Norderstedt, Kisdorf und Wakendorf II halt auch kennen und schätzen.
Alex hatte es bis dahin weit gebraucht. Also zumindest schonmal in einen BDR-Kader. Er wurde 3. bei der DM der Junioren, war Teilnehmer an der EM und beim Olympiastützpunkt hier in Hamburg boten sie ihm Hilfestellung dabei, wie das weitergehen könne mit der steilen Karriere.
Die wollte er da aber gar nicht mehr. Und startete so richtig voll durch – mit Wein, Weib und Gesang. Der motivatorische Ofen, sich weiter zu quälen und unter Druck zu setzen, der war auf einmal einfach aus. Einer, der ihn anfangs trainingstechnisch betreute, neben der schwedischen Nationalmannschaft im BMX, meinte Alex sei eins der größten Talente gewesen, die der Norden gehabt hätte. Die Schule hatte er wegen des Radsports vorsorglich schonmal erfolgreich abgebrochen, und nun war er ausgebrannt – mit Anfang zwanzig. Er hatte die Faxen dicke und schmiss allen um sich herum einfach alles vor die Füße. Im Nachhinein hat er das mal als „wasted youth“ bezeichnet und offenbar bestand da gehörig Nachholbedarf in andere Richtung.
Der Lebensmittelpunkt verlagerte sich von Eppendorf in eine WG mit Kollege Mortensen samt eigener Bar im Wohnzimmer. Die hatte ab mittwochs immer durchgehend geöffnet. Danach ging es in die berüchtigten Hochhäuser am Spielbudenplatz, die irgendwann abgerissen werden mussten. Statt „Training“ stand da „Tanken“ auf dem Programm, unten war nämlich die legendäre ESSO direkt im Haus. Bock auch auf sportliches Rumrandalieren hatte er sporadisch dann und wann schon noch, das waren dann meist Rundstreckenrennen für den Harvestehuder RV, sowas wie der Heimatverein von Stevens. Das lief dann wieder ganz gut , neben einem ausgedehnten Partyprogramm. Das musste man damals auch erstmal schaffen: Druck weg, Bock wieder da. Im Cross ging er damals auch ganz gut ab und die pornöse Ludenbrille nahm er dafür dann auch nicht mehr ab. Bezeichnenderweise auf dem Bild gleich mit drauf, rechts neben ihm: der Bock.
2004 trafen wir uns dann wieder bei der Deutschland-Tour. Da fuhr Herr Foley im Team der „Fit for Fun“, damals ein Magazin für hübsch gestählte und sexuell attraktive Menschen. An der Seite des schnellsten und bestaussehendsten Fitness-Models Deutschlands, Achim Sahm fuhr er auch da einfach vorne mit rum und sorgte für Furore. Auch die Alpen hoch, auch abends, auch abseits der Strecke. Immer dabei: seine Riesenklappe. Die hatte aber nichts mit dem Nasenbluten beim Zeitfahren zu tun, das war einfach zu hart für den großen Meister. An das die Tour abschließende Handgemenge hinter der Ziellinie in Leipzig erinnere ich mich nur schwach, aber da ging es dann wirklich hoch her: fittes Jungvolk gegen irgendeinen Seniorenfahrer, der vorher auf den letzten 200 Metern ganz böse rumgerangelt hatte. Gewonnen hat die Tour bei den Profis übrigens ein Stinkewitz (bäh!).
Ein Jahr oder so später haben ich ihn dann das erste und einzige Mal ohne Fahrrad getroffen und zwar beim Asia-Grill in Altona. Und da habe ich ihn erst gar nicht erkannt. Er hatte nämlich plötzlich einen richtigen Bizeps und erste zärtliche Anzeichen von Tattoos. Allerdings überhaupt keine Stimme mehr. Da war er nämlich gerade frisch von der Bandprobe gekommen und Shouter in einer Hardcore-Combo. Über das Proben kam die allerdings nicht hinaus, was ich von meiner Band zehn Jahre vorher leider nicht behaupten kann.
Wiedergetroffen haben wir uns dann grob so 2010 oder 2011 und da war Alex sowas wie der Al Bundy von Paul Lange: keiner wusste mehr über die Radschuhe von Shimano als Herr Bethge aus Rade. Das war noch vor Boa aber schon mit jeder Menge Ratschen.
Und so ganz langsam kommen wir zum Heute: Alex ist mittlerweile zweifacher Familienvater und komplett vollgepikert. Er hat es aus der Schwabenpampa nach Stuttgart reingeschafft und schafft bei der Internetstores AG. Schwerpunktmäßig betreut der da die Marke Votec und macht die so richtig sexy. Wie passend. Und wenn es passt, dann fährt er weiter Rad und das am allerliebsten mit diesem neumodischen Ding namens Gravelbike. Daher auch der neue Nick Graveljesus, der letztes Jahr irgendwo zwischen Ziellinie und Bierstand aufkam. Er fährt damit gern auch mal etwas längere Touren und mit ganz viel Gepäck, etwa das Atlas Mountain Race, das kurz vor dem Corona-Chaos einmal quer durch Marokko führte. Ob er das nochmal machen muss und ob das Gravelbike für so eine Tragetortur das richtige Bike ist, lässt er allerdings offen. Das AMR war wohl ganz schön hart, ein Tag hatte da 300 Kilometer Radtragen und danach gab es kalten Döner.
Wer ein Autogramm möchte oder einfach mal Kudos loswerden, der findet den Graveljesus hier auf Instagram.
So, und jetzt eine schöne Himmelfahrt euch allen, rauf aufs Rad!



